Review zu „Fifty Shades of Grey“: „Haben Sie Kabelbinder?“

Ja.

Ich gebe es zu.

Ich habe es getan.

Ich habe mir ausgerechnet den Film angesehen, über den ich wochenlang nur lästerte: „Fifty Shades of Grey“. Ich hatte explizit schon das Buch nicht gelesen, ja geradezu boykottiert.

Noch vor Tagen erzählte ich auch jedem, dass ich nicht bereit sei, für so einen Film Geld auszugeben – und genau daran hielt ich mich jetzt, da blieb ich mir treu. Eine Bekannte von mir nämlich hatte Freikarten und war so freundlich, mich mitzunehmen. Wie verabredet stand ich also am Donnerstag pünktlich um 18:45 Uhr vor dem Berliner Zoopalast und sah im Kinoprogramm, dass der Film wohl erst um 20 Uhr laufe… Ein wenig verwirrt fragte ich bei ihr nach, ob das stimme. Und was erfuhr ich? Die Freikarten galten nicht für die normale Vorstellung, sondern für eine „Privatvorstellung“ eines Automobilkonzerns, bei dem wohl auch Drinks und Essen gereicht werden sollten. Spannend. Da gehe ich doch gerne auch in solch einen Film. Und ja, es gab auch eine Garderobe (nie hatte ich zuvor meine Jacke im Kino abgegeben) sowie, thematisch auf den Film fein abgestimmt, Popcorn aus mit Strumpfband verzierten Bechern, Fingerfood und Drinks. Sehr schön, damit hatte ich nicht gerechnet… 😉

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Ein spezieller Becher für das Popcorn…

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Fingerfood…

Nun aber zum Film: Worum  es geht, dürfte gemeinhin bekannt sein… Der Plot erinnert vom Prinzip her – abgesehen von der SM-Facette – ein wenig an „Pretty Woman“: Einsamer, aber reicher und charismatischer Mann trifft hilfloses, argloses, armes Weiblein und rettet es aus seinem tristen, brot- und hoffnungslosen Dasein. Hach. Wie romantisch und märchenhaft – da wird innerhalb von gerade einmal 125 Filmminuten gleich die komplette Emanzipation mit Füßen getreten. Zack, so schnell geht das.

Die junge, unerfahrene und auch insgesamt arg unbedarfte Studentin Ana, verkörpert von Dakota Johnson,  dem Töchterlein von Don Johnson und Melanie Griffith, ist vom Moment des ersten Kontaktes an dem souverän wirkenden, enigmatischen und in scheinbar jeder Lebenslage  (Achtung, Achtung, Nachtigall, ich hör dir trapsen…) dominanten Unternehmer und Multimillionär Christian Grey, gespielt von Jamie Dornan,  dem Ex von Keira Knightley, mit Haut und Haar verfallen. Was als relativ normale Affäre beginnt,  führt die   arme Literaturstudentin schrittweise immer mehr aus ihrem zwischen Hörsaal, Job im Baumarkt und WG stattfindenden Leben in die dazu völlig gegensätzliche Welt des Christian,  der im Luxus schwelgt, mit dem Helikopter fliegt, im prunkvollen Neureichen-Loft  lebt, des Nachts gedankenverloren und in sich gekehrt am Flügel spielt sowie  diverse kostspielige Karossen sein Eigen nennt. In der Garage laufen die beiden an mehreren Autos vorbei. Sie mit ehrlichem Interesse: „Welches davon ist deins?“ Er gaaaanz trocken: „Alle.“

Vor allem jedoch hat der Mann, der niemals lächelt, seine speziellen Vorlieben, die Ana vollkommen fremd sind, in die er sie aber  jeden Tag mehr einführt und zwar mit Zuckerbrot und Peitsche. Genau das ist sein Stil, nicht nur im Schlafzimmer: Er schenkt ihr ein Auto, aber verkauft ohne ihr Wissen ihren alten, schnuckligen VW Käfer. Das alleine schon grenzt an Folter – den Käfer hätte ich auch lieber behalten. Er lässt ihren Laptop mit dem Apfel (ja, an Product Placement wurde weder bei den im Film sichtbaren Handys noch  bei den Rechnern gespart)  reparieren, aber das wohl auch nur, um sie weiterhin problemlos kontrollieren zu können…

Stellt euch vor: Ein Kinosaal voller Frauen (ich zählte unter der Zuschauerschaft ungefähr drei Männer, der Rest der Anwesenden war weiblich) mit ein bisschen Alkohol intus und dann so ein Film. Das Gekicher, auch von uns, ob der ein wenig einfach gehaltenen und unfreiwillig komischen, aber inhaltsschwer, staatstragend und bedeutungsschwanger gemeinten Dialoge in der ersten halben Stunde war kaum zu überhören. Aber was soll man auch Essentielles dazu sagen, wenn Christian Grey, der smarte Jungunternehmer, der auf SM steht, die im Baumarkt jobbende Studentin, die noch nichts ahnt, eben dort besucht und Kabelbinder, Klebeband und ein Seil kauft? Ein bisschen platt war das schon…

Ich muss sagen, dass der Film mit der Zeit besser wurde, durchaus. Der Film war a posteriori insgesamt gesehen absolut in Ordnung: Die Szenen waren nicht sehr SM-lastig, es ist eher eine recht romantische Herangehensweise an das Thema, eher schamhaft, ja, brav und bieder an der Grenze zur Prüderie, wahrscheinlich dem Drang Hollywoods geschuldet, eine gewisse Sauberkeit der Filme zu wahren, um sie auch für den amerikanischen Markt präsentabel zu halten. Möglicherweise ist die US-Version sogar ein paar Minuten kürzer als die europäische, weil vielleicht ein paar Szenen trotz aller Zurückhaltung herausgeschnitten wurden. Auch das könnte ich mir vorstellen.

Ana, die Studentin, himmelt den Unternehmer geradezu an, kämpft aber mit sich, ob sie wirklich bereit sein will, sich ihm zu unterwerfen. Sie versucht, ihm zu helfen – Helfersyndrom, willkommen in der  psychologischen Klischeeabteilung –  und zu begreifen, warum er so ist, wie er eben ist, möchte seine Geschichte kennen, um einen besseren Einblick in seine Psyche zu erlangen, was er ihr aber verwehrt. Natürlich, sonst würde er ja an Unerklärlichkeit und Unnahbarkeit einbüßen. Gleichzeitig sehnt sie sich aber nach gelebter Normalität, die jedoch mit ihm nicht möglich ist, was sie nach und nach zwar versteht, wenn auch  überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Er liebt sie auf seine besondere Art auch. Seine innere Zerrissenheit und  Einsamkeit sind spürbar. Auch er kämpft mit sich, ob er ihr nicht vielleicht doch ein klitzekleines bisschen mehr Nähe zugestehen kann. Man merkt, dass im übertragenen Sinne nicht sie gefangen ist, sondern eigentlich er – in seiner Vergangenheit, in seinen Traumata, in seinen Ängsten. Aber genug der Interpretiererei – wahrscheinlich denke ich schon wieder zuviel in dieses Hollywood’sche Machwerk hinein… Schluss mit der Küchenpsychologie.

Ganz ehrlich, ich hatte vorher nichts von dem Film erwartet, zumal ich auch das Buch nicht gelesen habe. Der Film war in Ordnung, vor allem nach einem arbeitsreichen Tag, der einen intellektuell anspruchsvollen Arthouse-Film nicht mehr zugelassen hätte. Mit dem gereichten Fingerfood, dem Gratis-Popcorn und den Getränken war es ein netter Abend, aber dennoch: Ich glaube, Geld in eine Eintrittskarte zu investieren, das wäre zumindest für mich keine gute Idee. Denn wirklich gefesselt (plumpes Wortspiel am Rande) hat der Film mich nicht…

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22 Antworten zu Review zu „Fifty Shades of Grey“: „Haben Sie Kabelbinder?“

  1. Moni´s Bloghütte schreibt:

    Hallöchen

    Ich habe es auch getan und ihn mir angeschaut und die Bücher habe ich auch nicht gelesen alle meine Mädels haben sie gelesen bei mir sind sie eingestaubt 🙂
    Der Film war gut aber vom Hocker hat er mich nicht gerissen. Bei uns waren schon einige Männer im Kinosaal deie wurden alle gezwungen von ihren Frauen oder haben sich mehr erwartet nach dem Film. 🙂

    Liebe Grüße Moni

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  2. kajastefanija811 schreibt:

    Schöne Zusammenfassung, humorvoll geschrieben. Ich habe bisher nur die Bücher gelesen, und das Kino zieht mich noch nicht an… Dein Kinoabend mit Getränken aus „echten Glas“ und Antipasti würde mich natürlich auch überzeugen. Danke fürs Vorstellen, happy Sunday Kaja

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  3. MalerKlecksi schreibt:

    Ich gebe zu, ich habe weder die Bücher gelesen, noch den Film geschaut. Hab ich auch nicht vor, deine Zusammenfassung finde ich allerdings toll.

    LG Alex

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    • AnitaBaronLine schreibt:

      Vielen Dank, liebe Alex! Ja, die Bücher habe ich auch nicht gelesen, aber überzeugt haben mich Freikarte, Essen und Drinks… Über den Rest, naja, hast ja meinen Artikel gelesen… 😉 Lieben Gruß und schönen Sonntag! Anita

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  4. Martina schreibt:

    Ich habe weder die Bücher gelesen noch den Film geschaut. Es ging mir schon auf die Nerven mit der Zeit das man überall nur noch darüber was gelesen hat.

    Jetzt wo der Film anlief war es auch nicht anders. Ich hatte das Gefühl jeder Blogger den ich so kenne hat den Film gesehen und darüber gebloggt. Die Timeline war da natürlich bei FB gleich überfüllt und ich muss sagen ich hab nix verpasst das ich weder das eine noch das andere kenne 🙂

    Lieben Gruß
    Martina

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  5. Mira Mica schreibt:

    Unter den gleichen Umständen hätte ich mir das auch angeschaut. Gratis Snacks geht immer! 😀

    Der Film klingt eigentlich ganz okay, aber bei den Kinopreisen passe ich. Da gibt es bestimmt sehenswertere Dinge 😀

    Liebst,
    Mira

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  6. Julia Moura schreibt:

    So eine schöne Review zu dem Film mit Humor =)
    Ich habe weder den Film gesehen noch die Bücher gelesen. Werde den Film nicht im Kino schauen, dafür bin ich bei den Kinopreisen echt zu geizig 😉

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  7. Michelle schreibt:

    Hallo Anita,

    eine sehr gut geschriebene Review zu dem Film der wohl am heißesten diskutiert wurde. Ich habe ihn bisher noch nicht gesehen, weiß auch noch nicht genau ob ich das noch mache.. Wenn dann nur mit meinen Mädels und genug Sekt im Gepäck 😉

    Liebe Grüße
    Michelle

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  8. Die Rabenmutti schreibt:

    Ich freue mich auf Donnerstag, denn dann werde ich den Film auch sehen…
    Das Buch habe ich nie gelesen, aber nach diesem Hype MUSS ich den Filme einfach gesehen haben^^

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  9. Talasia schreibt:

    Och ich finde das klingt ganz nett ^^ ich lese eh keine Bücher, hatte vor dem Film aber etwas „Angst“ weil ich ihn mir zu …heftig vorgestellt hatte, aber wenn das eher auf die „saubere“ Tour läuft und romantischer Art …dann klingt es ganz nett. Aber für mich nichts fürs Kino, eher so DVD Abend denke ich

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  10. Tanja Starck schreibt:

    Hallo Anita,

    mich hat am meisten die Atmosphäre im Kino begeistert. Selfies, fröhliches Lachen und knisternde Eis- und Popcorn-Tüten. Ganz wunderbar. Ein Abend voll mädchenhafter Fröhlichkeit und das obwohl die „Mädchen“ zwischen 16 und 60 waren … schön, wenn ein Film so vereinigen und Spaß machen kann.

    Viele Grüße
    Tanja

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  11. Marie schreibt:

    Ich glaube, bei solchen Filme ist es generell schwierig. Zuhause im Wohnzimmer mit der eigenen Fantasie zeigen sie etwas anders und wirken anders, als ein Film. Ich habe weder das Buch gelesen, noch fühle ich mich gereizt diesen Film zu gucken. Da spare ich mir lieber das Geld.

    Lieben Gruß ♥

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