Leaving the comfort zone #35: Ein Licht ganz am Ende des Tunnels…

comfort zone„Ist man im Tunnel drin, dann sieht man es nicht – doch am Ende des Tunnels scheint ein Licht…“ (Starlight Express)

Ich hatte wirklich noch NIEMALS zuvor Platzangst, aber im Rahmen dieser Aktion bekam ich tatsächlich klaustrophobische Anwandlungen… Das nur vorweg. Diese Erfahrung hingegen brachte mich dann doch an meine Grenzen.

Vor ein paar Monaten war ich in Südostasien unterwegs, unter anderem auch in Vietnam. Einige Tage verbrachte ich in Saigon. Ganz in der Nähe von Saigon befindet sich ein Relikt, das vor allem in der Zeit des Vietnamkrieges Berühmtheit erlangte und  das sich eigentlich kaum ein Tourist entgehen lässt: Die Tunnel von Cú Chi,  ca. 65 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegen.

IMG_1440Die Tunnel entstanden bereits 1948 im Krieg gegen Frankreich, der Kolonialmacht, zum Schutz von Waffen, Vorräten und auch Menschen. Nach dem Sieg Vietnams über Frankreich bezogen amerikanische Truppen ihr Hauptquartier in der Nähe von Cú Chi. Im Laufe der folgenden Jahre erweiterte der Vietcong das Tunnelsystem sowohl in die Tiefe als auch insgesamt in die Länge, so dass es schlussendlich über eine Gesamtlänge von 200 Kilometern auf drei Ebenen verfügte. Unterirdisch war auf diese Weise ein ganzes System vollfunktionstüchtiger Städte entstanden, die auch Schulen und Büros beinhalteten.

Die Eingänge wurden mit Laub und Gras versehen, so dass sie von außen unkenntlich waren.

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Ein Versteck

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In diesem Dickicht wurde damals gekämpft…

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Eingang…

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Das war das letzte Licht, das wir sahen…

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Heute sind viele der Tunnelsysteme zerstört, einige Gänge jedoch sind erhalten geblieben und um ein Museum zum Gedenken an den Widerstand gegen die amerikanischen Truppen ergänzt worden.

Touristen können heute diese Gänge am eigenen Leib erleben: Hoch sind die Gänge 1,20 m und 0,80 m breit.

Ich wusste nicht, was ich mich erwartete, als ich den Tunnel betrat. Ein wenig unwohl wurde mir, als vorher unserer kleinen Besuchergruppe noch erklärt wurde, man solle die Tunnel nur betreten, wenn man gesundheitlich ABSOLUT fit sei – ok, das bin ich, aber… Wir wurden noch hingewiesen, dass es sozusagen drei Notausgänge gäbe – wenn es gar nicht mehr ginge, sollten wir einen solchen benutzen. Ich bekam immer mehr Angst und zudem ein seltsames Grummeln im Magen. Es gab aber kein Entkommen mehr und ab ging es mit der kleinen Besuchergruppe in die Tiefe. Einer nach dem anderen verschwand im Tunnel. Anfangs war es ok. Aufgrund der Höhe musste man in arg gebückter Haltung laufen, sogar wenn man nur so groß ist wie ich. Während dieses Krabbelns schürfte man sich praktisch zwangsläufig die Knie auf, da man nicht einschätzen konnte, wieviel Platz da überhaupt noch war. Man verlor jegliches Gefühl für Höhe oder gar Zeit. Irgendwann wurden die Tunnel enger, es wurde dunkler, irgendwann sah man NICHTS mehr. GAR NICHTS. Es war alles schwarz. Man hörte die Schritte und das Keuchen der Leute vor und hinter sich. Man sah aber nicht, wohin es des Weges ging. Man spürte dem Weg nach, in dem man rechts, links, oben und unten die Wände am eigenen Körper fühlte. Überall Stein um einen herum. Die Luft wurde wärmer. Und da kam sie durch. Die Angst. Zack, wieder gegen eine Wand gebounced. Und Stufen nach unten, die man nicht sah. Man bemerkte sie erst, während man schon hinunter purzelte. Oh. Und wieder herauf. Man tastete sich Schritt für Schritt vorwärts. Man wollte nur weiter. Und man wusste nicht, wie weit es noch sein würde. Ein paar Mal war ich versucht zu schreien, aber hätte es etwas gebracht, als meine eigene kleine Panik, die ich in mir in einer solchen Situation niemals vermutet hätte, zu verstärken?  Wie gesagt, niemals hatte ich Angst in engen Räumen oder im Dunklen, es war mir schlichtweg immer egal gewesen. Man lief, nein, kroch weiter. Immer weiter. Die Notausgänge hätte ich gerne genutzt – aber ich sah noch nicht einmal diese. Also weiter. Immer weiter. Irgendwann würde das Ende schon kommen. Die Luft wurde drückender, es wurde heiß, mir wurde richtig schlecht. Aber was konnte man machen als durchhalten?

Irgendwann hatte ich es geschafft – es wurde hell, es gab ein Ende des Tunnels. Keuchend und völlig atemlos, kaputt und fertig erreichte ich wieder die Erdoberfläche.

Man glaubt es kaum: Es sind nur ungefähr 90 m, wie ich a posteriori erfuhr, aber diese 90 m in totaler Enge, Dunkelheit und ohne das Wissen, wie weit es noch sein würde, haben mich total geschafft.

Ich bin ja nun relativ klein und schmal, war aber nun durch die Tunnelkriecherei völlig verschrammt: An den Knien, an den Schultern, an der Stirn. Wie aber sollten größere Menschen (oder gar „kräftigere) diese Tunnel bewältigen? Wahrscheinlich gar nicht. Der Mann, der hinter mir krabbelte, war bestimmt 1,90 m groß und trug einen Rucksack – den hatte er aber auch abgenommen und sich vor den Bauch geschnallt – als eine Art Polster.

Meine Tasche, eigentlich über den Schultern hängend, sah auch sehr mitgenommen aus. Ich hatte sie mir in meiner Panik von der Schulter einfach um den Hals gehängt – das schien in der Enge das Einfachste zu sein.

Für die Touristen gab es oberirdisch – und das ist für uns Europäer  merkwürdig, aber für uns Deutsche wahrscheinlich besonders – eine Schießanlage, an der jeder für kleines Geld schießen konnte. Für mich ist das nichts, aber viele andere versuchten sich an den Waffen. Side effect: Während man unterirdisch die Tunnel entlang kroch, hörte man die Schüsse von oben. Authentisches Vietnamkrieg-Feeling. Das empfand ich dann doch als sehr speziell (und in meinen Augen eher unnötig und geschmacklos), aber es hat auf jeden Fall den ohnehin schon starken Eindruck der Tunnel verstärkt… Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es zur Zeit des Vietnamkrieges dort zuging. Lieber nicht…

Wenn ich gewusst hätte – ein Königreich für den Konjunktiv II !!! – was mich erwartete, wäre ich eventuell, nein, sogar sehr wahrscheinlich, nicht in den Tunnel hinab gestiegen. So war es eine interessante Erfahrung, die ich aber definitiv nicht wiederholen muss.

Mit Fotos direkt aus den Tunneln kann ich leider nicht dienen – denn erstens herrschte bei der Durchquerung der Tunnel immenser Druck, schnell hindurchzukommen, zweitens sind die Lichtverhältnisse natürlich nicht die besten gewesen. Es war einfach dunkel. Daher muss ich in Sachen Tunnelfotos leider auf Wikipedia oder andere Seiten im Internet verweisen.

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